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«Niemand soll hungrig vom Tisch aufstehen»: Ergin Dogan von fatkitchens im Interview

Marco Baumann
von
Marco Baumann
31.08.2026
Ergin Dogan von fatkitchens beim Outdoor-Dreh
Ergin Dogan erreicht als fatkitchens mit seinen Kochvideos ein Millionenpublikum.
Darum gehts
  • Ergin Dogan wurde als fatkitchens mit deftigen Outdoor-Kochvideos zum viralen Erfolg.
  • Vom Armeekoch für 2000 Personen zum Creator mit Millionenreichweite.
  • Privat kocht er lieber einfach, seine Herkunft prägt vor allem seine Haltung zum Essen.

Seine Videos haben Millionen erreicht, ein einziges Pouletrezept über dreissig Millionen Mal. Ergin Dogan, bekannt als fatkitchens, kocht draussen mit Feuer, Butter und viel Geschmack und trifft damit einen Nerv. Doch hinter den lauten Sonntagsvideos steckt ein gelernter Koch, der einst 2000 Rekruten verpflegte und unter der Woche am liebsten eine einfache Linsensuppe isst. Im Interview spricht der 29-Jährige aus dem Baselbiet über seine kurdischen Wurzeln, die Küche der Kaserne und den Menschen hinter der Marke.

Zum Einstieg

Wenn du dich jemandem vorstellen müsstest, der noch nie ein Video von dir gesehen hat, und du dürftest das Wort Koch nicht benutzen, wie würdest du beschreiben, was du machst?

Ich erzähle Geschichten über Essen. Ich nehme Gerichte, die viele Menschen kennen, und versuche, daraus ein Erlebnis zu machen. Mit Feuer, Geräuschen, Bildern und mittlerweile auch mit meiner Stimme. Mir geht es nicht nur darum, dass am Ende etwas auf dem Teller liegt. Die Zuschauer sollen beim Anschauen Hunger bekommen, aber auch Lust, selbst etwas auszuprobieren.

Du kommst aus dem Baselbiet, hast kurdische Wurzeln. Wie viel von dem, wie und was du kochst, kommt aus deiner Herkunft und deinem Zuhause von früher?

Sehr viel, auch wenn ich nicht in jedem Video ein traditionelles Gericht aus meiner Herkunft zubereite. Bei uns zu Hause war Essen nie einfach nur Nahrungsaufnahme. Es ging um Familie, Gastfreundschaft und darum, gemeinsam am Tisch zu sitzen.

Ich habe früh gelernt, dass man beim Essen nicht geizig sein sollte. Es darf kräftig gewürzt sein, es darf grosszügig sein, und niemand soll hungrig vom Tisch aufstehen. Genau diese Haltung findet man auch heute noch in meinen Videos. Meine Herkunft steckt deshalb weniger in jedem einzelnen Rezept, sondern vielmehr in der Art, wie ich Essen verstehe und mit anderen teile.

Erste Küche, die Kaserne

In der Rekrutenschule in Thun hast du bis zu 2000 Leute verpflegt, im WK manchmal nur 135. Was lernt man über das Kochen, wenn man für so viele Menschen gleichzeitig verantwortlich ist?

Man lernt vor allem Organisation, Disziplin und Verantwortung. Wenn du für 2000 Personen kochst, kannst du nicht spontan fünf Minuten vor dem Essen überlegen, was du noch machen möchtest. Jeder Arbeitsschritt muss geplant sein. Die Mengen müssen stimmen, die Abläufe müssen funktionieren und das Essen muss zur richtigen Zeit bereitstehen.

Ein kleiner Fehler ist bei vier Portionen vielleicht noch korrigierbar. Bei 2000 Portionen wird derselbe Fehler plötzlich riesig. Diese Zeit hat mir beigebracht, auch unter Druck ruhig zu bleiben und vorauszudenken. Davon profitiere ich bis heute, auch bei meinen Drehs.

Es heisst, ein gutes Essen kann in der Kaserne die Stimmung drehen. Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast, was dein Essen mit den Leuten macht?

Es war weniger ein einzelner Moment als etwas, das ich immer wieder beobachten konnte. Nach einem langen und anstrengenden Tag kamen die Leute müde, teilweise genervt und komplett dreckig zum Essen. Sobald sie etwas Warmes vor sich hatten, wurde die Stimmung plötzlich lockerer.

Wenn die Leute Nachschlag holten oder nach dem Essen kurz in die Küche kamen und sich bedankten, merkte man, dass Essen in diesem Umfeld viel mehr bedeutet. Für einen kurzen Moment vergisst man den Stress, die Müdigkeit und alles, was draussen passiert ist. Das hat mir gezeigt, welche Wirkung ein gutes Essen auf Menschen haben kann.

Die Armee teilt heute deine Videos und gibt dir Aufträge, die du ehrenamtlich machst, aus Dankbarkeit. Was genau schuldest du der Armee, dass du das zurückgibst?

Ich würde nicht sagen, dass ich der Armee etwas schulde. Es ist eher Dankbarkeit. Die Armee hat mir sehr viel beigebracht. Disziplin, Durchhaltevermögen, Teamarbeit und die Fähigkeit, auch dann weiterzumachen, wenn es unangenehm oder stressig wird.

Ich habe dort ausserdem viel Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten entwickelt. Wenn die Armee heute auf mich zukommt und ich etwas beitragen kann, mache ich das deshalb gerne. Für mich ist das eine Möglichkeit, etwas von dem zurückzugeben, was ich während dieser Zeit mitnehmen durfte.

Welches Gericht aus der Militärküche würdest du nie wieder anrühren, und welches hat dich überrascht, weil es besser war als sein Ruf?

Ein verkochtes Militär-Risotto brauche ich ehrlich gesagt nicht unbedingt noch einmal. Gerade wenn solche Gerichte sehr lange warmgehalten werden, verlieren sie irgendwann alles, was sie ursprünglich einmal ausgezeichnet hat.

Positiv überrascht hat mich Gehacktes mit Hörnli. Das klingt zuerst nach einem sehr einfachen Gericht, aber wenn es richtig gemacht wird, kann es auch in grossen Mengen sehr gut funktionieren. Es ist bodenständig, sättigend und genau das, was man nach einem anstrengenden Tag manchmal braucht.

Zweite Küche, der Sonntag vor der Kamera

Früher waren deine Videos ganz ohne Worte, nur Bilder, Feuer und Geschmack. Heute sprichst du auch. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen, und was verändert sich dadurch für dich und deine Zuschauer?

Am Anfang wollte ich, dass die Bilder und Geräusche für sich sprechen. Das hatte etwas Ruhiges und war auch ein Teil des Wiedererkennungswerts meiner Videos. Mit der Zeit wollte ich den Menschen aber mehr von der Person hinter fatkitchens zeigen.

Durch meine Stimme kann ich heute mehr erklären, Geschichten erzählen und auch meinen Humor einbringen. Die Zuschauer sehen dadurch nicht mehr nur meine Hände, das Feuer und das fertige Essen. Sie lernen auch Ergin etwas besser kennen.

Am Anfang war es ungewohnt, weil man sich mit der eigenen Stimme noch einmal anders zeigt. Mittlerweile gefällt es mir aber sehr, weil eine stärkere Verbindung zu den Zuschauern entsteht.

Ergin Dogan von fatkitchens beim Grillieren über offenem Feuer
Feuer gehört zum charakteristischen Stil vieler Outdoor-Kochvideos von fatkitchens.

Du machst bewusst nur Zutatenlisten ohne Mengenangaben. Kochst du nach Gefühl, wie ein Musiker improvisiert, oder steckt eine andere Idee dahinter?

Ich koche tatsächlich sehr stark nach Gefühl. Ich wiege beim Kochen zu Hause nicht jedes Gramm ab, sondern schaue, rieche und probiere. Natürlich verstehe ich, dass genaue Mengen für manche Menschen hilfreich wären. Gleichzeitig möchte ich die Leute auch dazu bringen, ihren eigenen Geschmack zu entdecken.

Nicht jede Zwiebel ist gleich gross, nicht jede Pfanne verhält sich gleich und nicht jeder mag gleich viel Knoblauch oder Schärfe. Eine Zutatenliste gibt eine Richtung vor, aber am Ende soll jeder das Gericht zu seinem eigenen machen.

Dein Kollege Yasin kommt aus der Musik und bringt das Gespür für Timing und Rhythmus. Wenn du ehrlich bist, wie viel vom Erfolg ist Kochen und wie viel ist eigentlich Musik und Rhythmus im Schnitt?

Das Kochen ist die Grundlage, aber der Schnitt und die Musik entscheiden sehr stark darüber, wie das Gericht beim Zuschauer ankommt. Ein gutes Essen allein macht noch kein gutes Video.

Yasin hat durch die Musik ein sehr gutes Gefühl für Timing. Er weiss, wann ein Schnitt kommen muss, wann ein Geräusch wirken soll und wann eine Szene vielleicht eine halbe Sekunde kürzer sein muss. Genau diese Kleinigkeiten machen am Ende einen grossen Unterschied.

Ich würde deshalb nicht versuchen, das in Prozent aufzuteilen. Das Gericht bringt die Menschen zum Video, aber Rhythmus, Schnitt und Musik sorgen dafür, dass sie bis zum Schluss dranbleiben.

Dich ärgert es, wenn Leute sagen, das sei keine Arbeit. Was würdest du jemandem zeigen, der das behauptet, wenn er einen Drehtag mit dir verbringen müsste?

Ich würde die Person einfach einen kompletten Drehtag begleiten lassen. Nicht erst ab dem Moment, in dem das Fleisch auf dem Grill liegt, sondern bereits bei der Planung.

Man muss eine Idee entwickeln, einkaufen, alles vorbereiten, das Material einpacken, zur Location fahren, die Ausrüstung aufbauen und teilweise bei Hitze, Kälte oder Regen drehen. Einzelne Szenen werden mehrfach aufgenommen. Danach muss alles gereinigt, zusammengeräumt und wieder nach Hause transportiert werden.

Anschliessend kommen der Schnitt, die Musik, das Voiceover, Untertitel, die Caption und die Veröffentlichung. Dazu gehören auch die Kommunikation mit Partnern, E-Mails und das Beantworten von Kommentaren. Die Zuschauer sehen am Ende vielleicht ein Video von einer Minute. Dahinter steckt aber oft ein kompletter Arbeitstag oder noch mehr.

Ergin Dogan von fatkitchens wird beim Probieren eines Gerichts gefilmt
Hinter den kurzen Social-Media-Videos steckt ein kompletter Produktionsablauf.

Dritte Küche, der Tisch zu Hause

Zu Hause kocht nicht fatkitchens, sondern Ergin. Wie sieht ein ganz normales Abendessen bei dir aus, wenn keine Kamera dabei ist?

Sehr viel einfacher, als viele wahrscheinlich denken. Ich esse nicht jeden Abend Burger, Fleisch und Gerichte mit viel Butter. Unter der Woche darf es unkompliziert und leichter sein.

Das kann eine Suppe, etwas Gemüse mit Reis, ein Salat, ein Omelette oder einfach etwas sein, das noch im Kühlschrank liegt. Wenn keine Kamera läuft, muss das Essen nicht perfekt aussehen. Es muss schmecken und satt machen. Manchmal ist ein einfaches Brot mit Käse genauso gut wie ein Gericht, an dem man mehrere Stunden gearbeitet hat.

Unter der Woche isst du, wie man hört, eher leicht, und am Sonntag kochst du für die Videos richtig auf. Wie fühlt sich dieser Wechsel an, ist das fast wie in eine andere Rolle schlüpfen?

Es ist schon ein Wechsel, aber ich würde nicht sagen, dass ich eine andere Rolle spiele. Der Sonntag ist eher die lautere Version von mir.

Unter der Woche geht es mehr um Alltag und Ausgleich. Beim Dreh darf es dann Feuer, Butter, Käse und richtig viel Geschmack sein. Das gehört zur Welt von fatkitchens und macht mir auch Spass. Trotzdem könnte und wollte ich nicht jeden Tag so essen.

Für mich ist das wie bei einem Musiker. Man steht nicht jeden Tag auf der Bühne, aber wenn man auf der Bühne steht, gibt man alles.

Gibt es ein Gericht, das online sofort floppen würde, das du aber privat am liebsten isst?

Eine ganz einfache Linsensuppe mit frischem Brot. Optisch passiert dabei nicht besonders viel und wahrscheinlich würde sie im Vergleich zu einem Burger oder einem grossen Stück Fleisch weniger Aufmerksamkeit bekommen.

Privat brauche ich aber nicht immer etwas Spektakuläres. Gerade einfache Gerichte, die man aus der Familie kennt, geben einem manchmal mehr als das aufwendigste Essen.

Der Mensch dahinter

Du hast lange doppelt gearbeitet, früher Lastwagenfahrer, dann Aussendienst bei einer Metzgerei, die Videos an den Wochenenden. Was hat dich in den Jahren angetrieben, in denen es sich noch nicht ausgezahlt hat?

Mich hat angetrieben, dass ich etwas Eigenes aufbauen wollte. Ich wusste am Anfang nicht, ob daraus jemals ein Beruf, eine Marke oder überhaupt etwas Grösseres entstehen würde. Ich wusste nur, dass ich Freude daran hatte und immer besser werden wollte.

Es gab Wochen, in denen ich normal gearbeitet habe und am Wochenende statt auszuruhen wieder unterwegs war, um Videos zu drehen. Natürlich war das anstrengend. Aber sobald ein Video online war und Menschen geschrieben haben, dass sie das Gericht nachgekocht haben oder dass ihnen das Video Freude gemacht hat, wusste ich wieder, weshalb ich es mache.

Das Geld war am Anfang nicht der Antrieb. Es war eher die Hoffnung, irgendwann etwas aufzubauen, das wirklich mir gehört und mit dem ich Menschen erreiche.

Porträt von fatkitchens Gründer Ergin Dogan im Anzug
Hinter der Marke fatkitchens steht der 29-jährige Ergin Dogan aus dem Baselbiet.

Millionen Menschen schauen dir beim Kochen zu, sogar Jason Derulo. Verändert so viel Aufmerksamkeit, wie du über dich selbst denkst?

Natürlich macht das etwas mit einem. Wenn plötzlich Millionen Menschen ein Video sehen oder bekannte Personen auf den Content reagieren, muss man das zuerst einmal begreifen.

Gleichzeitig versuche ich, mich nicht nur über Zahlen zu definieren. Ein Video kann heute Millionen Aufrufe haben und das nächste deutlich weniger. Wenn man seinen eigenen Wert davon abhängig macht, wird es schwierig.

Die Aufmerksamkeit gibt mir Selbstvertrauen und zeigt mir, dass ich mit meiner Arbeit etwas richtig mache. Sie bringt aber auch Verantwortung. Ich möchte mich weiterentwickeln, ohne mich zu verstellen oder zu vergessen, weshalb ich überhaupt angefangen habe.

Was war das erste Gericht, das du je für jemanden gekocht hast, den du unbedingt beeindrucken wolltest, und hat es geklappt?

An das allererste Gericht erinnere ich mich ehrlich gesagt nicht mehr genau, und ich möchte keine schöne Geschichte erfinden, nur damit die Antwort besser klingt.

Was aber typisch für mich war: Wenn ich jemanden beeindrucken wollte, habe ich meistens viel zu gross gedacht. Statt etwas Einfaches zu machen, wollte ich direkt Fleisch, mehrere Beilagen und eine Sauce gleichzeitig zubereiten. Perfekt war es wahrscheinlich nicht, aber allein die Mühe ist meistens gut angekommen.

Heute weiss ich, dass man Menschen nicht unbedingt mit dem kompliziertesten Gericht beeindruckt. Oft bleibt ein einfaches Essen, das mit Herz gemacht wurde, viel stärker in Erinnerung.

Wenn fatkitchens eines Tages vorbei wäre, woran sollen sich die Leute erinnern, was du ihnen gegeben hast?

Ich hoffe, dass sich die Menschen daran erinnern, dass ich ihnen Lust aufs Kochen gemacht habe. Nicht nur Lust aufs Essen, sondern wirklich darauf, selbst etwas zuzubereiten, Freunde einzuladen und gemeinsam an einem Tisch zu sitzen.

Ich möchte zeigen, dass Essen nicht perfekt oder kompliziert sein muss, um Menschen zusammenzubringen. Am Ende wäre es schön, wenn fatkitchens nicht nur für Feuer, Fleisch und grosse Gerichte stehen würde, sondern auch für Leidenschaft, Grosszügigkeit und Gemeinschaft.

Ergin Dogan von fatkitchens im Porträt
Ergin Dogan möchte mit fatkitchens nicht nur Lust aufs Essen, sondern auch aufs gemeinsame Kochen machen.

Zum Abschluss

Dein letztes Essen auf Erden, du darfst ein einziges Gericht wählen. Was steht auf dem Teller, und wer sitzt mit dir am Tisch?

Ich würde kein besonders luxuriöses Gericht wählen. Wahrscheinlich wäre es ein grosses, hausgemachtes Essen aus meiner Kindheit, zum Beispiel gefüllte Weinblätter mit Joghurt und frischem Brot.

Viel wichtiger als das Gericht wären aber die Menschen am Tisch. Dort würde meine Familie sitzen, die Menschen, die mich begleitet haben, und alle, mit denen ich noch einmal lachen und gemeinsam essen möchte. Bei meinem letzten Essen müsste es nicht ruhig oder perfekt sein. Es dürfte laut, voll und chaotisch sein, so wie ein richtiger Familientisch.

Mehr von fatkitchens

Wer mehr von Ergin Dogan und fatkitchens sehen möchte, findet auf der Website von fatkitchens weitere Einblicke und Angebote. Seine neuesten Kochvideos, Rezepte und Outdoor-Kreationen teilt Ergin regelmässig auf Instagram und TikTok.

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