Wenn der See zur Falle wird: Was die Rekordhitze mit den Schweizer Fischen macht
- Die Rekordhitze 2026 erwärmt Schweizer Flüsse und Seen auf teils kritische Werte.
- Für kälteliebende Fische wie Forellen und Äschen wird warmes Wasser lebensgefährlich.
- Behörden fischen bedrohte Bestände ab und siedeln sie in kühlere Gewässer um.
An der Sissle im Aargau liegen Fische zwischen trockenen Steinen, der Rheinzufluss ist auf weiten Abschnitten schlicht ausgetrocknet. Am 29. Juni mass der Genfersee 26,9 Grad, Rekord. Was für badende Menschen nach angenehmer Abkühlung klingt, ist für Forellen und Äschen eine Todeszone. Der Hitzesommer 2026 trifft die Schweizer Gewässer früher und härter als üblich, und die Fische zahlen den Preis. Fachleute sprechen von einer aussergewöhnlich angespannten Lage.
Ausgetrocknete Bäche mitten im Juni
An der Sissle ist vom Bach stellenweise kaum noch etwas übrig. Wo normalerweise Wasser fliesst, liegen Steine offen. Für Fische gibt es dort keinen Rückzugsort mehr. Zahlreiche Tiere sind bereits verendet.
Auch andernorts zeigt sich die angespannte Lage. Im Gütschweiher in Luzern kam es zu einem Fischsterben. Gleichzeitig erreichten mehrere der sechs grössten Schweizer Seen Ende Juni Rekordtemperaturen. Besonders auffällig war der Genfersee: Am 29. Juni wurden 26,9 Grad gemessen.
Der Zeitpunkt macht Fachleuten Sorgen. Adrian Aeschlimann, Geschäftsführer des Schweizerischen Kompetenzzentrums Fischerei, beschreibt die Situation als aussergewöhnlich. Noch nie habe man bereits Ende Juni vor einer derart angespannten Lage gestanden. Zahlreiche Gewässer hätten ihre Reserven schon vor dem eigentlichen Hochsommer aufgebraucht.
Normalerweise geraten Forellen und Äschen erst Ende Juli oder Anfang August unter starken Hitzestress. 2026 beginnt diese kritische Phase bereits Wochen früher.
Wer die aktuellen Informationen des Bundesamts für Umwelt zu den Gewässertemperaturen betrachtet, erkennt das Zusammenspiel von Trockenheit und hohen Wassertemperaturen. Wenig Wasser bedeutet zugleich, dass sich Flüsse und Bäche schneller erwärmen.
Die Folgen der Trockenheit sind längst nicht mehr nur in den Gewässern sichtbar. Auch die Wasserverbote wegen der Trockenheit zeigen, wie unterschiedlich Gemeinden und Kantone inzwischen auf die knappen Wasserreserven reagieren.
Warum warmes Wasser Fische tötet
Ein Mensch kann bei 30 Grad in den Schatten gehen, Wasser trinken oder die Klimaanlage einschalten. Ein Fisch hat diese Möglichkeiten nicht.

Fische können ihre Körpertemperatur nicht selbst regulieren. Ihre Temperatur folgt weitgehend jener des Wassers. Erwärmt sich ein Bach über Tage immer weiter, erwärmt sich auch der Körper des Fisches.
Gleichzeitig verändert sich das Wasser selbst. Je wärmer es wird, desto weniger Sauerstoff kann darin gelöst werden. Besonders kälteliebende Arten geraten dadurch unter Druck.
Forellen und Äschen sind an kühle, sauerstoffreiche Gewässer angepasst. Bereits ab ungefähr 20 Grad beginnt für sie eine Stressphase. Die Tiere fressen weniger und versuchen, Energie zu sparen.
Steigt die Temperatur weiter, wird die Lage ernst.
Ab rund 23 Grad erreichen Forellen und Äschen einen kritischen Bereich. Halten Temperaturen von 25 Grad oder mehr über längere Zeit an, können ganze Bestände sterben.
Doch dabei hält sich ein verbreiteter Irrtum.
Oft heisst es, die Fische würden im warmen Wasser schlicht ersticken. Für grosse Gewässer trifft diese Erklärung nach Angaben von Lukas Bammatter, Co Leiter der Fischerei und Jagdverwaltung des Kantons Zürich, häufig nicht zu.
Bei anhaltenden Temperaturen von mehr als 26 Grad sterben zahlreiche Fische vielmehr an Multiorganversagen. Die Hitze belastet ihren Organismus so stark, dass lebenswichtige Funktionen zusammenbrechen.
Dasselbe Wasser, in dem Menschen an einem Sommertag gerne länger bleiben, kann für eine Forelle damit zur tödlichen Umgebung werden.
Die Grenze liegt bei 25 Grad
20 Grad bedeuten Stress. Ab ungefähr 23 Grad wird es kritisch. Bleibt das Wasser längere Zeit bei 25 Grad oder darüber, droht ein Fischsterben.
Diese Temperaturschwellen erklären, weshalb die Rekordwerte des Sommers 2026 für die Fischereibehörden entscheidend sind.
Betroffen sind nicht nur Forellen und Äschen. Auch Nasen, Barben und Groppen reagieren empfindlich auf hohe Wassertemperaturen. Gemeinsam ist diesen Arten ihre Anpassung an vergleichsweise kühle Gewässer.
Theoretisch könnten Fische versuchen, der Hitze auszuweichen. In einem natürlichen Flusssystem gäbe es kühlere Seitenarme, tiefe Stellen oder Zuflüsse mit frischem Grundwasser.
In der Realität ist der Weg dorthin häufig versperrt.
Verbaute Gewässer, Schwellen und andere Hindernisse unterbrechen Wanderwege. Ein Fisch, der eine kühlere Stelle erreichen müsste, kann vor einem unüberwindbaren Bauwerk enden.
Auch tiefe Seen bieten nicht automatisch Schutz. Zwar ist das Wasser in tieferen Schichten kälter. Dort kann sich jedoch der Sauerstoffhaushalt verschlechtern. Die Fische stehen damit zwischen zwei ungünstigen Bedingungen: oben zu warm, unten zu wenig Sauerstoff.
Das Problem betrifft zudem den Fischlaich. Verschlechtern sich Temperatur und Sauerstoffverhältnisse in den tieferen Wasserschichten, kann auch die Entwicklung der nächsten Fischgeneration beeinträchtigt werden.
Warum es diesmal so früh kritisch ist
Seit März 2026 liegen die Grundwasserstände im Mittelland deutlich unter dem Durchschnitt. Zwei schneearme Winter in Folge haben die Ausgangslage zusätzlich verschärft.
Weniger Schnee in den Bergen bedeutet weniger Schmelzwasser. Quellen führen weniger Wasser. Aus Bächen werden Rinnsale. Selbst grössere Flüsse erhalten weniger kühlen Nachschub.
Damit fehlt den Gewässern ein natürlicher Kühlungseffekt.
Ein wasserreicher Bach reagiert träger auf hohe Lufttemperaturen. Führt derselbe Bach nur noch einen Bruchteil seiner üblichen Wassermenge, erwärmt er sich schneller.
Genau diese Kombination prägt den Sommer 2026. Die Hitze trifft auf Gewässer, die bereits mit tiefen Wasserständen in die warme Jahreszeit gestartet sind.
Das erklärt auch den ungewöhnlich frühen Zeitpunkt der Notmassnahmen.
Ende Juni ist der Sommer normalerweise noch nicht in jener Phase, in der Fischereibehörden auf breiter Front um kälteliebende Arten kämpfen müssen. Dieses Jahr mussten kantonale Fachstellen bereits vor dem Juli reagieren.
Die langfristige Entwicklung verstärkt den Befund. Der Rhein bei Basel ist seit 1961 um mehr als zwei Grad wärmer geworden. Die Wissenschaft erwartet eine weitere Erwärmung der Schweizer Gewässer.
Dabei wäre es zu kurz gegriffen, den Zustand der Fischbestände allein auf die Temperatur zurückzuführen. Rund 65 Prozent der Fischarten in der Schweiz gelten bereits als gefährdet oder ausgestorben. Neben der Erwärmung spielen auch die Wasserqualität und verbaute Gewässer eine Rolle.
Die Hitze trifft damit auf Fischbestände, deren Lebensräume bereits durch mehrere Faktoren unter Druck stehen.
Was die Behörden dagegen tun
Im Kanton Bern wurden seit Jahresbeginn auf 26 Kilometern Gewässer Notabfischungen durchgeführt.
Das Prinzip ist einfach, der Aufwand erheblich. Fachleute fangen bedrohte Fische aus Gewässerabschnitten, in denen Wasserstand und Temperatur kritisch werden, und siedeln sie in geeignetere Gewässer um.
Rund 15’000 Fische wurden im Kanton Bern auf diese Weise bereits umgesetzt.
Eine Garantie für das Überleben ist das nicht. Doch wenn ein Bach vollständig auszutrocknen droht, bleibt häufig kaum eine Alternative.
Daneben schaffen Fachstellen lokale Kaltwasserzonen. An geeigneten Stellen werden beispielsweise Vertiefungen im Flussbett genutzt oder geschaffen. Besonders wertvoll sind Bereiche, in denen kühles Grundwasser in ein Gewässer drückt.
Für Fische können wenige Grad Temperaturunterschied entscheidend sein.
Solche Rückzugsräume werden teilweise abgesperrt. Der Grund ist nicht ein generelles Badeverbot, sondern der Schutz jener kleinen Bereiche, in denen sich hitzegestresste Fische sammeln.
Seit 2026 steht den Fachstellen zusätzlich ein neues Prognoseinstrument zur Verfügung. Die Forschungsanstalt WSL betreibt ein frei zugängliches Tool, das an mehr als 50 Standorten zweimal pro Woche das Risiko einschätzt.
Die Prognosen reichen bis zu vier Wochen voraus. Behörden können dadurch früher erkennen, an welchen Gewässern kritische Temperaturen drohen.
Das Bundesamt für Umwelt und die Eawag betreiben bereits seit 2022 ein Echtzeitmonitoring der Seetemperaturen. Die Messwerte liefern ein genaueres Bild darüber, wie schnell sich einzelne Gewässer erwärmen und wie sich die Temperatur in verschiedenen Tiefen entwickelt.
Je nach Situation können Behörden weitere Massnahmen ergreifen. Dazu gehören Badeverbote in besonders sensiblen Rückzugsgebieten oder Einschränkungen bei der Einleitung von erwärmtem Kühlwasser aus Industrie und Kraftwerken.
Baden, Böötle, Fischen, was noch geht
Ein warmer See bedeutet nicht automatisch, dass Baden verboten ist. Auch das Böötle bleibt grundsätzlich möglich. Entscheidend sind lokale Einschränkungen und geschützte Bereiche.

Wer an einem Fluss oder See unterwegs ist, sollte deshalb auf Absperrungen und behördliche Hinweise achten. Besonders Kaltwasserzonen sind für Fische in Hitzeperioden wichtige Rückzugsräume.
Dort können sich zahlreiche Tiere auf engem Raum sammeln. Werden diese Stellen betreten oder mit Booten befahren, entsteht zusätzlicher Stress.
Auch beim Fischen können kantonale Vorgaben eine Rolle spielen. Welche Regeln gelten, hängt vom jeweiligen Gewässer und den zuständigen Behörden ab.
Wer tote Fische oder einen plötzlich austrocknenden Bach entdeckt, sollte die kantonale Jagd und Fischereibehörde oder die Polizei informieren. Gerade bei kleineren Gewässern kann eine frühe Meldung entscheidend sein, wenn noch eine Notabfischung möglich ist.
Warmes Wasser bringt zudem Risiken für Badende mit sich. Blaualgen können sich bei hohen Temperaturen stärker vermehren. Auch Zerkarien treten in warmem Wasser häufiger auf.
Das bedeutet nicht, dass jeder warme See problematisch ist. Auffällige Verfärbungen des Wassers und lokale Warnhinweise sollten jedoch beachtet werden.
Der Sommer zeigt damit einen ungewöhnlichen Gegensatz. Für Menschen verlängern hohe Wassertemperaturen möglicherweise den Aufenthalt im See. Für eine Forelle kann derselbe Temperaturanstieg die Grenze zwischen Stress und Organversagen markieren.
Was die Gewässer langfristig retten könnte
15’000 umgesiedelte Fische im Kanton Bern zeigen, wie schnell Behörden in einer akuten Situation handeln können. Notabfischungen bleiben jedoch eine Reaktion auf ein bereits bestehendes Problem.

Fachleute des Schweizerischen Fischerei Verbands sehen die langfristig wirksamste Massnahme in der Revitalisierung der Gewässer.
Ein natürlicher Bach sieht anders aus als ein gerader, unbeschatteter Kanal. Er besitzt tiefere Kolke, flachere Bereiche und Seitenarme. Bäume und Sträucher stehen am Ufer. Fische können wandern und bei steigenden Temperaturen kühlere Stellen suchen.
Besonders die Beschattung ist messbar.
Standortgerechte Bäume und Sträucher können einen Bach um mehrere Grad kühlen. Ihre Kronen halten direkte Sonneneinstrahlung vom Wasser fern. Gleichzeitig schaffen natürliche Uferstrukturen unterschiedliche Strömungen und Wassertiefen.
Tiefe Kolke bieten Rückzugsräume. Seitenarme können kühleres Wasser führen. Durchgängige Gewässer ermöglichen Fischen, diese Bereiche überhaupt zu erreichen.
Genau diese Bewegungsfreiheit fehlt dort, wo Schwellen und verbaute Abschnitte Wanderwege unterbrechen.
Die Zahlen zeigen, dass die Temperatur allein nicht das gesamte Problem erklärt. Rund 65 Prozent der Schweizer Fischarten gelten als gefährdet oder ausgestorben. Wasserqualität, verbaute Lebensräume und fehlende Wanderwege gehören ebenfalls zu den Ursachen.
Doch mit steigenden Wassertemperaturen gewinnt die Frage nach kühlen Rückzugsorten an Bedeutung.
An der ausgetrockneten Sissle kommt jede Massnahme zu spät, sobald kein Wasser mehr fliesst. An anderen Bächen können bereits ein beschattetes Ufer, ein tiefer Kolk oder ein freier Weg zu einem kühlen Zufluss einen Unterschied machen.
Die Rettung der Fische beginnt deshalb oft nicht mitten im Wasser, sondern wenige Meter daneben, am Ufer.



