Das schönste Reiseziel liegt vielleicht eine Bushaltestelle entfernt
- Mikroreisen sind kurze, bewusste Reisen in die nähere Umgebung statt in die Ferne.
- Schweiz Tourismus greift den Trend mit einer Kampagne zu wenig bekannten Orten auf.
- Hinter dem Trend stehen auch geopolitische Unsicherheit und der Wunsch nach Entlastung überfüllter Hotspots.
Ein Mann steht am Flughafen Zürich in der Schlange vor der Sicherheitskontrolle, zwei Stunden vor Abflug, die Klimaanlage zu kalt, der Kaffee zu teuer. Eine Stunde von seinem Wohnort entfernt liegt ein Dorf, das er noch nie gesehen hat, mit einer Altstadt von nationaler Bedeutung. Er war noch nie dort. Genau auf diesen blinden Fleck zielen Mikroreisen in der Schweiz. Der Reisetrend gewinnt derzeit spürbar an Aufmerksamkeit und stellt eine einfache Frage: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Unbekannte gleich um die Ecke liegt?
Zwei Stunden Anfahrt für das Naheliegende
Während am Flughafen Zürich die Anzeigetafel den nächsten Langstreckenflug ankündigt, fährt zu Hause im Halbstundentakt ein Regionalzug an einem historischen Ortskern vorbei. Der Mann kennt die Metro von Paris, die Strassen von Lissabon und die Tempel von Kyoto. Das Städtchen im Nachbartal mit seinen alten Fassaden hat er dagegen nie besucht.
Wer an Erholung denkt, denkt oft zuerst an Distanz. Je weiter entfernt das Reiseziel liegt, desto besonderer scheint das Erlebnis zu sein. Genau diesen Gedanken stellt der neue Trend der Mikroreisen infrage. Nicht weil die Ferne ihren Reiz verloren hätte, sondern weil das Unbekannte erstaunlich oft dort beginnt, wo man seit Jahren vorbeifährt, ohne jemals auszusteigen.
Vielleicht ist die spannendste Reise deshalb nicht immer diejenige mit dem längsten Flug, sondern jene mit dem neugierigsten Blick.
Was eine Mikroreise eigentlich ist
Den Begriff «Mikroreisen» prägte der französische Soziologe Rémy Oughiri im Jahr 2025. Seine Idee ist ebenso einfach wie überraschend. Bedeutungsvolle Erlebnisse entstehen nicht erst nach mehreren Flugstunden, sondern können genauso gut in erreichbarer Nähe stattfinden.
Eine Mikroreise dauert meist nur einen Tag oder ein Wochenende. Entscheidend ist nicht die Anzahl Kilometer, sondern die Haltung. Statt Sehenswürdigkeiten möglichst schnell abzuhaken, bleibt Zeit, einen Ort wirklich kennenzulernen. Das kleine Museum am Dorfplatz, das Café unter den Arkaden oder der Spaziergang entlang eines Flusses werden plötzlich zum eigentlichen Reiseziel.
Gerade darin unterscheidet sich die Mikroreise vom gewöhnlichen Tagesausflug. Sie lädt dazu ein, langsamer zu werden und einem Ort Aufmerksamkeit zu schenken, als wäre man zum ersten Mal dort.
Warum der Trend ausgerechnet jetzt kommt
Dass Mikroreisen gerade jetzt an Bedeutung gewinnen, kommt nicht von ungefähr.
Internationale Konflikte, geopolitische Spannungen und ein insgesamt weniger berechenbares Reiseumfeld machen Fernreisen für einen Teil der Bevölkerung aufwendiger planbar. Flugverbindungen ändern sich kurzfristig, politische Entwicklungen beeinflussen Reiseziele, und Ferien verlangen heute oft mehr Flexibilität als noch vor wenigen Jahren.
Gleichzeitig bleibt die Reiselust ungebrochen. Studien zeigen, dass die Schweizer Bevölkerung 2026 gleich viel oder sogar mehr Geld für Ferien ausgibt als zuvor.
Gerade deshalb verstehen sich Mikroreisen nicht als Gegenmodell zur Fernreise. Sie ergänzen sie. Wer im Sommer eine Reise nach Kanada oder Japan plant, kann im Frühling oder Herbst trotzdem ein Wochenende in einem unbekannten Schweizer Ort verbringen. Das eine ersetzt das andere nicht. Es erweitert lediglich den Blick darauf, was eine Reise sein kann.
Hinzu kommt ein weiterer Wandel. Die Nebensaison gewinnt an Bedeutung, kleinere Destinationen rücken stärker in den Fokus, und statt möglichst viele Stationen in kurzer Zeit anzusteuern, wächst der Wunsch, länger an einem Ort zu bleiben und ihn wirklich kennenzulernen.
Die Kampagne und die fünfzehn unbekannten Orte
Im April 2026 griff Schweiz Tourismus diesen Gedanken mit der Kampagne «Verliebe dich in schöne Orte» auf. Während einer zweiwöchigen Aktion vom 13. bis 26. April 2026 erschienen die Motive auf digitalen Bildschirmen an Schweizer Bahnhöfen. Anlass war unter anderem das durch geopolitische Spannungen eingetrübte internationale Reiseumfeld. Gleichzeitig wollte Schweiz Tourismus zeigen, dass eindrückliche Reiseziele oft näher liegen, als die meisten vermuten.

Grundlage der Kampagne bildet das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, kurz ISOS. Es wird vom Bundesamt für Kultur geführt und umfasst rund 1200 schützenswerte Ortsbilder aus der ganzen Schweiz. Für die Kampagne wurden daraus fünfzehn Orte aus allen Sprachregionen ausgewählt.
Dazu gehören beispielsweise Romainmôtier im Waadtland, Saint-Ursanne im Jura, Sent in Graubünden, Ernen im Wallis, Diessenhofen im Thurgau, Eglisau im Kanton Zürich, Werdenberg im Kanton St. Gallen oder Meride im Tessin. Sie stehen stellvertretend für zahlreiche historische Ortsbilder, die zwar von nationaler Bedeutung sind, im Vergleich zu bekannten Tourismuszielen jedoch weit weniger Aufmerksamkeit erhalten.
Mit der Kampagne von Schweiz Tourismus verfolgt die Tourismusorganisation gleichzeitig ihre Strategie Travel Better. Ziel ist es, Gäste räumlich und zeitlich besser zu verteilen, damit stark besuchte Destinationen entlastet und weniger bekannte Regionen sichtbarer werden.
Der Gedanke dahinter ist erstaunlich einfach. Wer einmal einen Nachmittag in einem Ort verbringt, den er bisher nur vom Zugfenster aus kannte, entdeckt oft eine Seite der Schweiz, die selbst langjährige Reisende noch überrascht.
Der Irrtum, dass Erholung Distanz braucht
Kaum eine Vorstellung hält sich hartnäckiger als diese: Eine Reise wird umso wertvoller, je weiter das Ziel entfernt liegt.
Dabei entsteht Erholung selten durch die Anzahl Kilometer. Sie beginnt in dem Moment, in dem der Alltag für einige Stunden in den Hintergrund tritt und Neugier den Platz übernimmt.
Der Mann vom Flughafen könnte dieselbe Überraschung auch in einem historischen Städtchen erleben, das nur wenige Bahnstationen entfernt liegt. Nicht weil es spektakulärer wäre als New York oder Barcelona, sondern weil alles neu wirkt. Jede Gasse, jede Fassade und jedes Gespräch erzählt eine Geschichte, die bisher schlicht unbeachtet geblieben ist.
Genau darin liegt der eigentliche Gedanke der Mikroreise. Sie ersetzt Fernreisen nicht. Sie erinnert lediglich daran, dass das Besondere nicht zwangsläufig weit entfernt sein muss.
Was vom Massentourismus weg und in die Dörfer führt
Die beliebtesten Reiseziele der Schweiz verzeichnen Jahr für Jahr hohe Besucherzahlen. Gerade an sonnigen Wochenenden stauen sich Menschen vor Bergbahnen, Aussichtspunkten und bekannten Altstädten.
Zur gleichen Zeit liegen nur wenige Kilometer entfernt Dörfer, deren historische Ortsbilder kaum jemand kennt, obwohl sie ebenso Teil des kulturellen Erbes der Schweiz sind.
Genau dort setzt die Kampagne von Schweiz Tourismus an. Wer sich bewusst für kleinere Destinationen entscheidet, entdeckt nicht nur neue Orte. Gleichzeitig hilft dieser Ansatz, Besucherinnen und Besucher besser über verschiedene Regionen und Jahreszeiten zu verteilen.
Davon profitieren Dorfläden, kleine Restaurants, Cafés, Museen und Familienbetriebe, die ausserhalb der grossen Tourismuszentren liegen. Gleichzeitig gewinnen Reisende etwas zurück, das an stark besuchten Orten manchmal verloren geht: Ruhe, Zeit und die Möglichkeit, einen Ort ohne Gedränge zu erleben.
Wie eine Mikroreise konkret aussehen kann
Vielleicht beginnt sie an einem Samstagmorgen. Kein Koffer steht im Flur, keine lange Packliste liegt auf dem Esstisch. Stattdessen führt der Weg zur Bushaltestelle oder zum Bahnhof.

Vierzig Minuten später öffnet sich die Zugtür in einem Ort, dessen Namen man bisher nur von Wegweisern kannte.
Auf dem Dorfplatz öffnet gerade die Bäckerei. Der Brunnen plätschert zwischen historischen Häusern. Hinter einer schmalen Gasse verbirgt sich ein kleiner Innenhof, den kaum jemand fotografiert. Gerade deshalb bleibt er in Erinnerung.
Später führt ein Spaziergang durch Rebberge oder entlang eines Flusses. Zum Mittagessen öffnet sich die Tür eines kleinen Restaurants, in dem vor allem Einheimische sitzen. Am Abend geht es wieder nach Hause.
Die Reise dauerte nur wenige Stunden. Der Eindruck vielleicht deutlich länger.
Vielleicht beschreibt genau das den Gedanken der Mikroreise am besten. Nicht jede Entdeckung verlangt einen Reisepass oder einen Langstreckenflug. Manchmal genügt der Mut, an einer Bushaltestelle auszusteigen, an der man jahrelang einfach vorbeigefahren ist.



