War früher nicht auch Sommer? Warum heute anders über Hitze gesprochen wird
- Heisse Sommer wie 1947, 1983 oder 2003 gab es schon früher, das Gefühl täuscht nicht.
- Gleichzeitig haben Hitzetage und Tropennächte seit 1990 messbar zugenommen.
- Was sich verändert hat, ist nicht nur das Wetter, sondern auch, wie wir darüber sprechen.
Der Grossvater winkt ab, wenn im Fernsehen die nächste Hitzewarnung läuft. 1983, sagt er, da habe man auch bei 35 Grad im Haus geschwitzt, und niemand habe ein Drama daraus gemacht. Er hat nicht unrecht. Heisse Sommer gab es früher auch. Und trotzdem stimmt etwas an seinem Eindruck nicht ganz. Denn während die einen finden, die Hitze werde heute künstlich grossgeredet, zeigen die Messreihen der Wetterdienste eine andere, nüchternere Geschichte. Ein Blick auf das, was sich wirklich verändert hat, und auf das, was nur anders erzählt wird.
Der Grossvater und die Hitzewarnung
Die Diskussion über die Hitze in der Schweiz wird jeden Sommer neu geführt. Während sich viele an heisse Sommer früherer Jahrzehnte erinnern, zeigen die Messdaten eine langfristige Veränderung.
Die Szene wiederholt sich jeden Sommer. Auf dem Bildschirm erscheint die nächste Hitzewarnung. Der Moderator spricht von Temperaturen über 35 Grad. Der Grossvater lehnt sich zurück und schüttelt den Kopf. Früher sei es schliesslich auch heiss gewesen. Niemand habe deshalb ständig Warnungen verschickt.
Seine Reaktion ist verständlich. Wer die Sommer der vergangenen Jahrzehnte erlebt hat, erinnert sich an bestimmte Tage. An das Freibad, dessen Betonplatten unter den Füssen brannten. An Ventilatoren, die nur warme Luft bewegten. An schlaflose Nächte unter dem Dach. Wetter bleibt besonders dann im Gedächtnis, wenn es aussergewöhnlich ist.
Genau deshalb beginnt die Diskussion oft aneinander vorbei. Der Grossvater spricht über Erinnerungen an einzelne Sommer. Die Statistik spricht über Durchschnittswerte über viele Jahrzehnte. Beide schauen auf dieselbe Realität, aber aus unterschiedlichen Perspektiven.
Was an der Erinnerung stimmt
Wer behauptet, früher habe es in der Schweiz keine extremen Sommer gegeben, wird von den Messdaten selbst widerlegt.

Der Sommer 1947 gehört bis heute zu den aussergewöhnlichsten Hitzeperioden der Schweizer Wettergeschichte. Auch 1983 brannte sich ins Gedächtnis vieler Menschen ein. Die extremste einzelne Hitzephase überhaupt wurde sogar zwischen dem 21. und 31. Juli 1983 registriert.
Dann kam der Sommer 2003. Er gilt bis heute als Jahrhundertsommer. Mit rund drei Grad über der damaligen Klimanorm war er der mit Abstand wärmste Sommer seit Beginn der systematischen Messungen im Jahr 1864.
Aus demselben Sommer stammt auch der Schweizer Hitzerekord. Am 11. August 2003 wurden in Grono im Kanton Graubünden 41,5 Grad gemessen. Nach der späteren Homogenisierung der Messreihe liegt der offizielle Rekordwert bei 40,5 Grad.
Wenn sich der Grossvater also an Sommer erinnert, in denen die Hitze tagelang unerträglich schien, dann erzählt er keine verklärte Geschichte. Diese Sommer gab es tatsächlich. Die Wetterdaten bestätigen seine Erinnerung.
Hitze in der Schweiz: Was die Messreihen zeigen
Der Unterschied beginnt dort, wo nicht einzelne Sommer betrachtet werden, sondern ganze Jahrzehnte.
Ein Beispiel liefert Bern-Zollikofen. Früher wurden dort durchschnittlich rund drei Hitzetage pro Jahr registriert. Als Hitzetag gilt ein Tag mit mindestens 30 Grad. Zwischen 1990 und 2019 lag der Durchschnitt bereits bei neun Hitzetagen pro Jahr.
In Luzern zeigt sich ein ähnliches Bild. Dort stieg die Zahl der Hitzetage von rund fünf auf etwa zwölf pro Jahr.
Noch auffälliger ist die Entwicklung in höheren Lagen. Orte, an denen Temperaturen über 30 Grad früher eine Seltenheit waren, erleben heute regelmässig Hitzetage.
MeteoSchweiz hält fest, dass die Hitzeperioden seit etwa 1980 deutlich häufiger und intensiver geworden sind. Das Jahr 2022 war bis dahin das wärmste Jahr seit Messbeginn 1864.
Der entscheidende Punkt liegt jedoch nicht in einzelnen Rekorden. Extreme Sommer gab es schon früher. Neu ist, dass der Durchschnitt gestiegen ist. Was früher als aussergewöhnlich heiss galt, nähert sich heute vielerorts dem Normalzustand an.
Genau hier treffen Erinnerung und Statistik aufeinander. Der Grossvater erinnert sich an die Ausreisser. Die Messreihen erfassen jeden Sommer, auch die durchschnittlichen. Dadurch entsteht der Eindruck eines Widerspruchs, obwohl beide Beobachtungen stimmen.
Die Nacht, die nicht mehr abkühlt
Die vielleicht wichtigste Veränderung findet nicht am Nachmittag statt, sondern mitten in der Nacht.

Eine Tropennacht liegt dann vor, wenn die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt. Wer schon einmal um Mitternacht das Fenster geöffnet hat und trotzdem keine Abkühlung spürte, weiss, wie belastend das sein kann.
Nördlich der Alpen waren Tropennächte ausserhalb der Stadtzentren vor dem Jahr 2000 selten. Danach änderte sich das Bild deutlich. Mehrere Sommer brachten mehr als drei Tropennächte. In den Extremsommern 2003 und 2015 wurden je nach Region sechs bis fünfzehn Tropennächte registriert.
Mitten in Zürich lagen die Werte noch höher. Dort wurden in diesen Sommern teilweise zwanzig bis dreissig Tropennächte gezählt.
Gerade diese Entwicklung gilt als gesundheitlich relevant. Der Körper benötigt kühlere Temperaturen, um sich zu erholen. Fehlt diese nächtliche Abkühlung, leiden Schlafqualität und Wohlbefinden.
Wer wissen möchte, wie sich warme Nächte konkret auf den Schlaf auswirken, findet im Healthfullness-Magazin weitere Informationen zum Thema «bei Hitze besser schlafen».
Warum die Stadt anders schwitzt als das Dorf
An einem Sommerabend genügt oft eine kurze Autofahrt, um den Unterschied zu spüren. Im Stadtzentrum zeigt das Thermometer noch 29 Grad. Wenige Kilometer ausserhalb sinkt die Temperatur plötzlich deutlich.

Der Grund dafür ist der sogenannte Hitzeinsel-Effekt.
Asphalt, Beton und andere versiegelte Flächen speichern tagsüber grosse Mengen Wärme. Nach Sonnenuntergang geben sie diese Energie langsam wieder ab. Die Folge: Die Stadt bleibt warm, während Felder, Wiesen und Wälder schneller auskühlen.
Besonders nachts wird dieser Unterschied spürbar. Während auf dem Land bereits frische Luft durchs Fenster strömt, halten sich in dicht bebauten Quartieren die hohen Temperaturen oft bis in die frühen Morgenstunden.
Ein wichtiges Detail zur Einordnung der Messreihen wird dabei oft übersehen. Die langjährigen Messstationen von MeteoSchweiz liegen meist nicht mitten in den dicht bebauten Stadtzentren. Viele Bewohner von Innenstädten erleben deshalb sogar mehr Hitzetage und Tropennächte, als die offiziellen Durchschnittswerte vermuten lassen.
Warum heute lauter gewarnt wird als früher
Neben den Temperaturen selbst hat sich auch der Umgang mit Hitze verändert.
Früher existierten keine flächendeckenden amtlichen Hitzewarnungen, wie sie heute selbstverständlich sind. Die Wetterberichte erwähnten hohe Temperaturen, doch Warnsysteme standen noch nicht im Mittelpunkt.
Ein Wendepunkt war der Sommer 2003. Die damalige Hitzewelle forderte europaweit zehntausende Todesopfer. Seitdem beschäftigen sich Behörden und Gesundheitsorganisationen intensiver mit den Risiken extremer Hitze.
Gleichzeitig hat sich die Bevölkerungsstruktur verändert. Die Gesellschaft wird älter, und ältere Menschen reagieren empfindlicher auf hohe Temperaturen. Was früher als unangenehm galt, wird heute stärker als Gesundheitsrisiko betrachtet.
Mehr Warnungen bedeuten deshalb nicht automatisch, dass die Situation dramatischer dargestellt wird. Sie zeigen auch, dass das Wissen über die gesundheitlichen Folgen von Hitze gewachsen ist.
Wahrnehmung und Wirklichkeit, beides hat seinen Platz
Am Ende sitzt der Grossvater noch immer vor dem Fernseher und hört die nächste Hitzewarnung.
Wahrscheinlich wird er erneut sagen, dass es früher ebenfalls heisse Sommer gab.
Und wieder wird er recht haben.
Die Statistik widerspricht seiner Erinnerung nicht. Sie ergänzt sie lediglich um etwas, das kein Mensch aus eigener Erfahrung erfassen kann: den langfristigen Durchschnitt über viele Jahrzehnte.
Der Grossvater erinnert sich an die Ausreisser. Die Statistik misst den Durchschnitt. Beide reden von etwas Wahrem.
Für die kommenden Jahrzehnte rechnen die Klimaszenarien CH 2025 damit, dass die Hitzebelastung weiter zunimmt, besonders in den Städten. Die Stadt Zürich geht davon aus, dass sich die Zahl der Hitzetage bis 2060 verdoppeln könnte. Gleichzeitig bleiben solche Szenarien Projektionen mit einer Bandbreite. Sie hängen auch davon ab, wie sich der künftige Ausstoss von Treibhausgasen entwickelt.
Vielleicht erklärt genau das, warum die Diskussion über Hitze so oft emotional geführt wird. Erinnerung und Statistik erzählen unterschiedliche Geschichten. Doch manchmal müssen sie sich gar nicht widersprechen. Manchmal beschreiben sie lediglich zwei verschiedene Blickwinkel auf dieselbe Wirklichkeit.



