Prämien 2027: Warum zwei Prognosen so weit auseinanderliegen
- Die offiziellen Prämien für 2027 kommen Ende September vom BAG.
- Comparis rechnet mit 3,7 Prozent Anstieg, das BAG mit 4,5 bis 5 Prozent.
- Verbindlich ist erst die amtliche Zahl, alles davor sind Schätzungen.
Ende September wird bekannt, wie viel die Krankenkasse im nächsten Jahr kostet. Zwei Schätzungen liegen bereits vor, und sie unterscheiden sich deutlich. Der Vergleichsdienst Comparis rechnet mit 3,7 Prozent mehr, das Bundesamt für Gesundheit mit 4,5 bis 5 Prozent. Noch sind beide Werte Prognosen. Wie hoch die Krankenkassenprämien 2027 tatsächlich ausfallen, steht erst mit der offiziellen Bekanntgabe fest.
Zwei Prognosen, zwei Zahlen
Für Versicherte geht es um einen Unterschied, der sich auf der monatlichen Rechnung bemerkbar machen würde. Comparis prognostizierte im Mai 2026 für die Grundversicherung einen durchschnittlichen Prämienanstieg von 3,7 Prozent im kommenden Jahr. Nach dieser Berechnung würde die mittlere Monatsprämie auf 407.85 Franken steigen. Das wären rund 14.55 Franken mehr pro Monat.
Das Bundesamt für Gesundheit kommt zu einer höheren Einschätzung. Es rechnet für 2027 mit einem durchschnittlichen Anstieg von 4,5 bis 5 Prozent. Auf die Prognose von Comparis reagierte das BAG zurückhaltend. Die dort genannten Zahlen seien nicht nachvollziehbar.
Damit stehen wenige Wochen vor der Bekanntgabe zwei unterschiedliche Erwartungen im Raum. Das bedeutet allerdings nicht, dass eine der beiden Zahlen bereits die tatsächliche Prämienentwicklung abbildet. Beide sind Schätzungen auf Grundlage der jeweils verfügbaren Daten und Annahmen.
Die definitive Antwort folgt Ende September. Dann gibt das BAG die genehmigten Prämien für das kommende Jahr bekannt. Erst diese Zahlen sind für Versicherte verbindlich.
Wie die Prognosen zustande kommen
Die Abweichung lässt sich teilweise damit erklären, dass Prognosen auf unterschiedlichen Grundlagen und Einschätzungen beruhen können.
Comparis stützt seine Berechnung unter anderem auf die Gesundheitskostenprognose der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich. Hinzu kommen Kostendaten des BAG sowie die Geschäftsberichte der zehn grössten Krankenversicherer.

Bei der Einordnung dieser Prognose gehört ein weiterer Punkt dazu: Comparis finanziert die KOF-Gesundheitskostenprognose selbst mit. Zugleich ist Comparis ein kommerzieller Vergleichsdienst. Das macht die verwendeten Zahlen nicht automatisch unbrauchbar, gehört für die Beurteilung der Quelle aber zur notwendigen Transparenz.
Die KOF erwartet weiterhin steigende Gesundheitskosten. Nach ihren Berechnungen nahmen die gesamten Gesundheitskosten 2025 um 3,7 Prozent zu. Für 2026 werden 3,6 Prozent erwartet, für 2027 rund 3,5 Prozent.
Kostenentwicklung und Prämienentwicklung sind allerdings nicht identisch. Die Krankenkassenprämien müssen die erwarteten Ausgaben der obligatorischen Krankenpflegeversicherung finanzieren. Daneben können weitere Faktoren eine Rolle spielen. Deshalb lässt sich aus einer Prognose über die gesamten Gesundheitskosten nicht unmittelbar ableiten, um wie viele Prozent die Prämien im folgenden Jahr steigen werden.
Dass BAG und Comparis zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, ist deshalb zunächst Ausdruck verschiedener Berechnungen und Einschätzungen. Welche Prognose näher an der späteren Entwicklung liegt, lässt sich vor der amtlichen Bekanntgabe nicht feststellen.
Was die Kosten treibt
Hinter der Diskussion über die Prämien steht eine längerfristige Entwicklung: Die Ausgaben im Gesundheitswesen steigen weiter.
Comparis-Experte Felix Schneuwly nennt als einen wesentlichen Faktor den laufend erweiterten Leistungskatalog der Grundversicherung. Dazu zählt er unter anderem die psychologische Psychotherapie, Medikamente zum Abnehmen und die Angehörigenpflege.
Auch das Kostenmonitoring des BAG zeigt Zunahmen. Die Kosten stiegen in allen Leistungsarten. Besonders deutlich war die Entwicklung bei den Spitex-Organisationen. Dort nahmen die Kosten um 13 Prozent auf 173 Franken pro versicherte Person zu.
Bei psychotherapeutischen Leistungen betrug der Anstieg 9,8 Prozent. Die Kosten erreichten 86 Franken pro versicherte Person.
Das BAG verweist darüber hinaus auf die demografische Entwicklung. Mit einer alternden Bevölkerung verändert sich der Bedarf an medizinischen Leistungen. Als weiteren möglichen Einfluss nennt der Bund Preissteigerungen bei Medikamenten im Zusammenhang mit der US-Preispolitik.
Die einzelnen Faktoren wirken nicht zwangsläufig im selben Umfang auf die Prämien eines bestimmten Jahres. Sie zeigen jedoch, weshalb die Entwicklung der Gesundheitskosten für die Berechnung der kommenden Prämien zentral bleibt.
Was in den letzten Jahren passiert ist
Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt deutliche Prämienanstiege. Comparis nennt 6,6 Prozent für 2023, 8,7 Prozent für 2024, 6,0 Prozent für 2025 und 4,4 Prozent für 2026.

Damit fiel die Erhöhung für 2026 geringer aus als in den drei Jahren zuvor. Ob sich diese Abschwächung 2027 fortsetzt, ist noch offen. Sowohl die Prognose von Comparis als auch jene des BAG gehen allerdings von einem weiteren Anstieg aus.
Schneuwly erklärt die besonders starken Prämiensprünge zwischen 2023 und 2025 nicht mit einem ausserordentlichen Wachstum der Gesundheitskosten. Nach seiner Einschätzung spielten die Reserven der Versicherer eine wesentliche Rolle.
Zwischen 2019 und 2022 seien die Reserven nach politisch erzwungenen Senkungen und zu tief angesetzten Prämien zurückgegangen. In den Folgejahren hätten die Krankenversicherer ihre Reserven deshalb wieder aufbauen müssen. Diese Erklärung stammt vom Comparis-Experten und ist entsprechend als dessen Einordnung zu verstehen.
Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt damit auch, weshalb ein Vergleich zwischen Kostenwachstum und Prämienanstieg nicht immer eine direkte Übereinstimmung ergibt. Die Höhe der Prämien hängt nicht ausschliesslich davon ab, wie stark die gesamten Gesundheitskosten im gleichen Zeitraum wachsen.
Was Versicherte jetzt wissen sollten
Bis zur Bekanntgabe Ende September müssen Versicherte zunächst nichts aufgrund der beiden Prognosen unternehmen. Weder die 3,7 Prozent von Comparis noch die vom BAG erwarteten 4,5 bis 5 Prozent sind die individuellen Prämien für 2027.
Die tatsächliche Belastung kann sich ohnehin von einem schweizweiten Durchschnitt unterscheiden. Ausschlaggebend sind die später genehmigten Prämien. Erst mit deren Veröffentlichung steht fest, welche Beiträge im kommenden Jahr gelten.
Wer danach seine Grundversicherung wechseln möchte, muss die geltenden Kündigungsfristen beachten. Die Grundversicherung kann in der Regel per Ende Jahr gekündigt werden. Für Zusatzversicherungen gelten andere Regeln und Fristen, weshalb beide Versicherungsarten getrennt betrachtet werden müssen.
Bei der Grundversicherung ist zudem der gesetzlich festgelegte Leistungskatalog bei allen Krankenversicherern gleich. Ein Wechsel der Grundversicherung verändert deshalb nicht, welche gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen grundsätzlich abgedeckt sind.
Bis Ende September bleibt vor allem die Unterscheidung zwischen Prognose und amtlicher Prämie relevant.



