Samstag, 19. September 2026 |
Newsletter
⚡ Breaking
News  |  Unternehmen
Unternehmen

Trotz Gewinn: Jeder zehnte Lehrbetrieb hat aufgehört auszubilden

Adrian Steiner
von
Adrian Steiner
17.09.2026
Lehrstellen Schweiz: Junger Mensch arbeitet in einer Werkstatt
Die berufliche Grundbildung bleibt das Rückgrat der Sekundarstufe II. Gleichzeitig haben Tausende Betriebe die Ausbildung von Lernenden eingestellt.
Darum gehts
  • Mehr als 6000 Unternehmen haben die Ausbildung von Lernenden eingestellt.
  • Gleichzeitig lohnt sich die Ausbildung für Betriebe im Durchschnitt finanziell.
  • Bis 2033 wird bei den Lernendenzahlen ein Wachstum von 16 Prozent erwartet.

Lehrlinge auszubilden ist für Schweizer Betriebe im Durchschnitt kein Verlustgeschäft. Pro Lehrvertrag bleibt ihnen laut Bildungsbericht Schweiz 2026 ein Nettogewinn von rund 4500 Franken pro Jahr. Trotzdem haben innerhalb von zehn Jahren mehr als 6000 Unternehmen aufgehört, Lernende auszubilden. Das entspricht etwa jedem zehnten Betrieb. Der Rückzug fällt in eine Zeit, in der sich der Lehrstellenmarkt in die andere Richtung bewegt: Seit 2023 verlassen wieder mehr Jugendliche die obligatorische Schule und bis 2033 werden deutlich mehr Lernende erwartet.

Mehr als 6000 Betriebe haben aufgehört

Die Zahlen stammen aus dem Bildungsbericht Schweiz 2026. Er wurde von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung SKBF im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI und der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK erstellt. Im März 2026 wurde der Bericht veröffentlicht.

Der Befund zur betrieblichen Ausbildung fällt deutlich aus. Innerhalb von zehn Jahren haben mehr als 6000 Unternehmen die Ausbildung von Lernenden eingestellt. Damit ist ungefähr jeder zehnte Lehrbetrieb weggefallen.

Gleichzeitig bleibt die Ausbildung für Unternehmen insgesamt rentabel. Der durchschnittliche Nettogewinn liegt bei rund 4500 Franken pro Lehrvertrag und Jahr. Der Rückgang der Ausbildungsbetriebe fällt damit ausgerechnet in eine Phase, in der sich die demografische Entwicklung dreht.

Jetzt kommen wieder mehr Jugendliche nach

Seit dem Jahr 2023 schliessen wieder mehr Jugendliche die obligatorische Schule ab. Damit wird auch die Zahl jener steigen, die eine Lehrstelle suchen.

Der Bildungsbericht wirft deshalb die Frage auf, wie die Unternehmen auf diese Trendwende reagieren werden. Betriebe, die bereits länger keine Lernenden mehr ausgebildet haben, dürften nicht automatisch wieder in die Ausbildung einsteigen. Der Bericht hält deshalb fest, dass sich die Lehrstellensituation aus Sicht der Lernenden in den kommenden Jahren zunehmend anspannen könnte.

Die Entwicklung reicht über die nächsten wenigen Jahrgänge hinaus. Bis 2033 wird bei den Lernendenzahlen ein Wachstum von 16 Prozent erwartet. Besonders betrifft dies die Berufsfelder Informatik und Kommunikationstechnologie sowie Gesundheit und Soziales.

Jugendliche gehen gemeinsam durch einen Schulgang
Seit 2023 schliessen wieder mehr Jugendliche die obligatorische Schule ab. Damit nimmt auch die Zahl der Lehrstellensuchenden zu.

Gleichzeitig gehen viele Fachkräfte in Pension. Damit treffen zwei Entwicklungen aufeinander: Mehr Jugendliche kommen ins Alter für eine berufliche Grundbildung, während auf dem Arbeitsmarkt erfahrene Arbeitskräfte ausscheiden.

Für das Schweizer Bildungssystem ist diese Entwicklung besonders relevant. Die berufliche Grundbildung bleibt auf der Sekundarstufe II das Rückgrat des Bildungssystems. Wie viele Unternehmen bereit sind, die zusätzlichen Jugendlichen auszubilden, wird damit zu einer wichtigen Frage.

Nicht jede Lehrvertragsauflösung bedeutet einen Abbruch

Zum Bild der Berufsbildung gehört allerdings auch, dass nicht jeder begonnene Lehrvertrag bis zum Ende bestehen bleibt. Bei der Eintrittskohorte 2018 wurden laut Bundesamt für Statistik 24 Prozent aller dualen EFZ-Lehrverträge vorzeitig aufgelöst. Bei den EBA-Lehrverträgen lag der Anteil bei 26 Prozent. Die Anteile unterscheiden sich je nach Branche.

Eine Lehrvertragsauflösung darf dabei nicht automatisch mit einem Ausstieg aus der Berufsbildung gleichgesetzt werden. Fast 80 Prozent der Betroffenen treten nach einer Auflösung wieder in eine Berufslehre ein.

Die Zahlen zeigen damit zwei unterschiedliche Ebenen. Einerseits steht die Frage, wie viele Unternehmen überhaupt Ausbildungsplätze anbieten. Andererseits geht es darum, was nach Abschluss eines Lehrvertrags während der Ausbildung geschieht.

Die Voraussetzungen der Jugendlichen haben sich verändert

Auch bei den schulischen Kompetenzen zeigt der Bildungsbericht eine Entwicklung über längere Zeit. Zwischen 2012 und 2022 sanken die Leistungen der Jugendlichen zu Beginn ihrer Lehre in Sprache und Mathematik um ungefähr das Niveau eines ganzen Schuljahres.

Für Ausbildungsbetriebe verändert sich damit nicht nur die Zahl potenzieller Lernender. Auch die Voraussetzungen, mit denen Jugendliche ihre berufliche Grundbildung beginnen, haben sich verändert.

Das bedeutet nicht, dass sich daraus der Rückgang der Lehrbetriebe direkt erklären lässt. Die Entwicklungen stehen jedoch gleichzeitig im Raum: Tausende Unternehmen haben die Ausbildung eingestellt, die Zahl der Jugendlichen steigt wieder und die gemessenen schulischen Kompetenzen zu Beginn der Lehre sind zurückgegangen.

Deutschland zeigt, wie sich mehrere Entwicklungen verstärken können

Wie sich ein Berufsbildungssystem verändern kann, wenn mehrere Entwicklungen zusammenkommen, zeigt ein Blick nach Deutschland. SRF zieht diesen Vergleich und zitiert dazu den Bildungsökonomen Stefan Wolter.

Deutschland galt mit seiner Berufsbildung lange als Paradebeispiel. Inzwischen sei das System am Kränkeln. Mehrere Entwicklungen hätten sich gegenseitig verstärkt. Der Anteil der Abiturientinnen und Abiturienten ist stark gestiegen und liegt bei über 40 Prozent. Gleichzeitig gibt es immer weniger Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger.

Dadurch bieten auch weniger Unternehmen Lehrstellen an, während Ruf und Renommee der Berufslehre leiden. Diese Einschätzung stammt von Wolter.

Auf die Schweiz lässt sich diese Entwicklung nicht einfach übertragen. Der Vergleich zeigt aber, weshalb die Zahl der ausbildenden Unternehmen für ein Berufsbildungssystem eine wichtige Grösse ist. Sinkt sie über längere Zeit, während sich gleichzeitig andere Rahmenbedingungen verändern, können sich verschiedene Entwicklungen gegenseitig verstärken.

Der Bildungsbericht behauptet nicht, dass die Schweiz denselben Weg gehen wird. Er hält vielmehr fest, dass die demografische Trendwende eine neue Situation schafft und offen ist, wie die Unternehmen darauf reagieren.

Mehr Jugendliche treffen auf weniger Ausbildungsbetriebe

Der Lehrstellenmarkt steht damit vor einer Konstellation, die sich von jener der vergangenen Jahre unterscheidet. Seit 2023 nimmt die Zahl der Jugendlichen, die die obligatorische Schule abschliessen, wieder zu. Damit steigt auch die Zahl der Lehrstellensuchenden.

Zwei Personen besprechen gemeinsam eine Aufgabe
Wie die Betriebe auf die steigende Zahl der Lehrstellensuchenden reagieren, ist offen.

Ein Unternehmen, das seine Ausbildungstätigkeit eingestellt hat, baut diese jedoch nicht zwingend von einem Jahr auf das nächste wieder auf. Der Bildungsbericht geht deshalb davon aus, dass Betriebe, die bereits länger keine Lernenden mehr ausbilden, nicht automatisch zurückkehren werden.

Bis 2033 werden 16 Prozent mehr Lernende erwartet. Wie viele Unternehmen ihnen einen Ausbildungsplatz anbieten werden, lässt der Bildungsbericht offen.

Themen
0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Das könnte Sie auch interessieren

Cookie-Einwilligung mit Real Cookie Banner