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«Falsche Polizisten»: Warum die bekannte Masche noch immer funktioniert

Marco Baumann
von
Marco Baumann
12.10.2026
Smartphone während eines laufenden Telefonanrufs
Bei Schockanrufen versuchen Betrüger, ihre Opfer am Telefon unter Zeitdruck zu setzen.
Darum gehts ∧
  • Bekannte Betrugsmaschen können auch bei gewarnten Personen funktionieren.
  • Schock und Zeitdruck lassen kaum Raum für Zweifel.
  • Die SKP rät bei Geldforderungen am Telefon: sofort auflegen.

Ein Schockanruf mit falschen Polizisten ist keine neue Betrugsmasche. Seit Jahren wird davor gewarnt. Trotzdem gelingt es Kriminellen weiterhin, Menschen am Telefon unter Druck zu setzen. Dass die Masche bekannt ist, schützt allein noch nicht davor.

Dafür nennt die Schweizerische Kriminalprävention SKP zwei Gründe. Nicht alle Menschen kennen die Warnungen. Und selbst wer sie kennt, kann unter Stress Schwierigkeiten haben, dieses Wissen im entscheidenden Augenblick abzurufen.

Bekannt bedeutet nicht allen bekannt

Wer regelmässig Nachrichten liest oder sich mit Betrugsfällen beschäftigt, kann schnell den Eindruck bekommen, die Masche mit falschen Polizisten müsse inzwischen jeder kennen.

Die SKP, deren Geschäftsleiter Fabian Ilg ist, weist zunächst auf einen sogenannten «Bubble-Trugschluss» hin: Wenn eine Betrugsmasche Fachleuten und Medien bekannt ist, bedeutet das nicht, dass sie allen Menschen bekannt ist.

Was innerhalb einer gut informierten Gruppe längst bekannt ist, muss ausserhalb dieser Gruppe nicht ebenso präsent sein. Präventionskampagnen und Medienberichte erreichen nicht automatisch jeden Menschen.

Doch fehlendes Wissen ist nur ein Teil der Erklärung.

Unter Stress ist vorhandenes Wissen nicht immer verfügbar

Auch Menschen, die bereits vor Schockanrufen gewarnt wurden, können darauf hereinfallen. Nach Angaben der SKP kommen solche Fälle öfter vor.

Eine Erklärung dafür ist, dass vorhandenes Wissen unter Stress nicht immer gleich gut abgerufen werden kann. Hinzu kommt, dass sich der tatsächliche Anruf anders präsentieren kann als die Situation, vor der jemand gewarnt wurde.

Wer beispielsweise weiss, dass sich Kriminelle am Telefon als Polizisten ausgeben, erkennt eine ähnliche Manipulation möglicherweise nicht sofort, wenn sich die anrufende Person stattdessen als Bankangestellter ausgibt.

Bei hochbetagten Menschen könne zusätzlich eine Rolle spielen, dass vorhandenes Wissen generell schlechter abrufbar ist. Entscheidend ist damit nicht allein, ob jemand eine Betrugsmasche theoretisch kennt.

Älterer Mann telefoniert mit einem Smartphone
Auch wer vor Schockanrufen gewarnt wurde, kann unter Stress Schwierigkeiten haben, vorhandenes Wissen abzurufen.

Der Anruf beginnt mit einem Schock

Die Geschichten können unterschiedlich sein. Das Prinzip dahinter bleibt laut SKP ähnlich: Den Angerufenen wird ein Notfall vermittelt.

Das eigene Geld sei in Gefahr und müsse in Sicherheit gebracht werden. Verwandte oder Freunde seien bedroht. Oder die angerufene Person selbst befinde sich in Schwierigkeiten, weil sie angeblich etwas falsch gemacht habe.

Gemeinsam ist diesen Situationen, dass sofortiges Handeln notwendig erscheinen soll. Zum Schock kommt Zeitdruck.

Die Täter sind laut SKP geschickte Manipulatoren und versuchen, die Betroffenen ständig am Telefon zu halten. Dadurch bleibt möglichst wenig Zeit, die Geschichte zu hinterfragen oder eine andere Person um Unterstützung zu bitten. Der ausgeübte Druck kann dabei bis zu aggressivem Verhalten reichen.

Die SKP setzt deshalb nicht bei einem vermeintlich entscheidenden Moment an, in dem sich ein Opfer zur Geldübergabe entschliesst. Wichtiger seien jene Augenblicke, in denen Zweifel entstehen könnten. Das Vorgehen der Täter zielt darauf ab, genau diese Zweifelmomente möglichst klein zu halten.

Warum ältere Menschen besonders im Visier stehen

Bei Schockanrufen konzentrieren sich die Kriminellen laut SKP häufig auf eine Region. Ältere Menschen gehören dabei zur bevorzugten Zielgruppe.

Die SKP nennt dafür mehrere mögliche Gründe. Ältere Menschen seien häufiger autoritätsgläubig, könnten schlechter Nein sagen und vertrauten der Institution Polizei als glaubwürdigem Absender.

Hinzu kommt die soziale Einbindung. Wer weniger Menschen um sich hat, kann in einer plötzlich erzeugten Stresssituation schlechter kurzfristig Hilfe oder Unterstützung holen.

Als dritten Punkt nennt die SKP die kognitive Flexibilität. Unter grossem Stress kann es älteren Menschen teilweise schwerer fallen, Warnhinweise wahrzunehmen oder bereits vorhandenes Wissen abzurufen.

Nachdenklicher älterer Mann
Schock und Zeitdruck können es erschweren, Warnhinweise und vorhandenes Wissen abzurufen.

Die Stimme muss nicht echt sein

Neue technische Möglichkeiten verändern einzelne Betrugsformen zusätzlich. Künstlich erzeugte Stimmmuster sind nach Angaben der SKP inzwischen einfach machbar.

Für gewöhnliche Spam-Anrufe seien solche Stimmimitationen allerdings wenig sinnvoll, weil bei diesen Anrufen nicht vorausgesetzt werde, dass das Opfer eine bekannte Person am Telefon erwartet. Bei gezielteren Angriffen können künstlich imitierte Stimmen dagegen eine Rolle spielen. Als Beispiel nennt die SKP den sogenannten CEO-Fraud, bei dem sich Betrüger als Führungsperson eines Unternehmens ausgeben.

Gleichzeitig vermischen sich verschiedene Formen des Online-Betrugs zunehmend. Die SKP nennt unter anderem Romance Scams und Anlagebetrug. Aus einem zunächst romantisch aufgebauten Kontakt kann beispielsweise später ein Anlagebetrugsversuch entstehen.

Nach Einschätzung der SKP nehmen die Versuche beim Online-Betrug weiter zu. Gleichzeitig gebe es aber auch mehr Menschen, die wüssten, wie sie sich schützen können. Damit steigt auch die Zahl der Versuche, die nicht zum gewünschten Erfolg der Täter führen. Prävention bleibt für die SKP deshalb eine Daueraufgabe.

Angehörige können bei der Prävention helfen

Die SKP betrachtet Angehörige ausdrücklich als wichtige Zielgruppe für Präventionsbotschaften. Kinder und Enkel können Eltern oder Grosseltern auf solche Betrugsformen aufmerksam machen und sie auf entsprechende Informationsveranstaltungen hinweisen.

Ebenso wichtig ist es nach Einschätzung der SKP, zu vermitteln, was im digitalen Zeitalter alles gefälscht werden kann. Medienkompetenz sei keine Frage des Alters, und Unterstützung müsse nicht als Bevormundung verstanden werden.

Auch die Kantonspolizeien engagieren sich laut SKP stark in der Prävention bei Seniorinnen und Senioren. Weitere Informationen zu Kriminalitätsrisiken und Schutzmöglichkeiten für ältere Menschen stellt die SKP in ihrer Broschüre «Sicherheit im Alter» bereit.

Bei einer Geldforderung gilt: auflegen

Die wichtigste Empfehlung der SKP ist bewusst einfach. Wer am Telefon mit irgendeiner Geschichte dazu gebracht werden soll, Geld herauszugeben, soll keinen bestimmten Satz sagen und keine Diskussion beginnen.

Die Botschaft lautet: einfach auflegen.

Die SKP weist zudem darauf hin, dass die Polizei Bürgerinnen und Bürger nicht in dieser Form kontaktiert und Geld verlangt.

Wer bereits Geld übergeben hat, sollte sich so schnell wie möglich an die Kantonspolizei wenden. Bei einem Schockanruf mit erfolgter Geldübergabe empfiehlt die SKP, 117 anzurufen, weil unter Umständen noch die Möglichkeit besteht, die Abholer zu erwischen.

Dabei ist ein Detail entscheidend: 117 selbst eintippen und keinen Rückruf annehmen. Das gilt insbesondere dann, wenn sich die Betrüger zuvor als Polizisten ausgegeben haben.

Auch wer die Täuschung rechtzeitig erkennt und kein Geld übergibt, sollte die Polizei informieren. Betrugsversuche kommen laut SKP häufig in Wellen, weil die Anrufer in Callcentern organisiert sind und Regionen abtelefonieren. Durch eine Meldung erfahren die Behörden, dass möglicherweise gerade eine solche Welle läuft. Beim Online-Betrug spielen Jahreszeiten nach Kenntnis der SKP dagegen keine Rolle.

Scham sollte Betroffene nicht von einer Meldung abhalten. Gerade bei Seniorinnen und Senioren ist die Dunkelziffer laut SKP aus Scham hoch.

Das bedeutet nicht, dass Betrugsopfer nicht intelligent genug gewesen wären, die Täuschung zu erkennen. Die SKP betont ausdrücklich, dass viele Menschen auf Online-Betrüger hereinfallen und dies nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun habe. Alle Menschen hätten schwache Momente, und Betrüger versuchten gezielt, solche Schwachstellen auszunutzen.

Die Haltung der Präventionsstelle dazu ist klar: Die Polizei ahndet keine Scham, sondern Verbrechen.

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